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Macht und Verantwortung der Softwaredesigner

Foto: Markus Spiske on Unsplash

Liebe Softwareentwickler, Interaction -und UX-Designer,

im Februar 2018
von Christine Steinhart

… ihr seid die geheimen Drahtzieher unserer Zeit, ihr haltet die Zügel in der Hand.

Produkt- und Softwaredesigner gestalten unsere Lebenswirklichkeit und haben auf unser tägliches Leben einen größeren Einfluss als Politiker oder Manager. Wie wir arbeiten, was wir konsumieren, welche Nachrichten wir lesen – all das liegt in ihrer Macht. Davon ist jedenfalls Alan Cooper überzeugt. Er muss es wissen: Er ist nicht nur einer von ihnen, er hat das Interaction Design geprägt wie kein anderer: Er hat die Idee der User Experience ins Leben gerufen und damit erstmals den Focus beim Softwaredesign in Richtung Nutzer verschoben. Er führte die sogenannten »Personas« ein, um Ziele, Motivationen und das Verhalten der Zielgruppe besser zu beschreiben. Apps und Websites würden ohne ihn heute sicher anders aussehen. Über sich selbst sagt Cooper, dass er alle Sünden, die man im Softwarebusiness machen kann, begangen hat. Zeit, sich einer neuen Herausforderung zu stellen.

Eine bessere Welt für unsere Kinder

Und weil Cooper schon immer der Typ Mensch war, der die unbequemen Fragen stellt, sucht er jetzt nach Antworten und Lösungen, wie die Welt zu einem besseren Ort werden kann. Dabei sieht er vor allem seine Berufsgruppe, die Softwareentwickler, in der Pflicht, mehr Verantwortung zu übernehmen. Denn mit ihren Produkten stellen sie die Weichen für das Verhalten der Masse und können somit großen Einfluss ausüben. Die Denkweise vor, die uns daran erinnern soll, warum wir verantwortungsvoll handeln müssen, nennt er Good-Ancestor-Thinking.

Be a good ancestor!

Wir alle wollen unter dem Strich dasselbe, so Cooper: Eine bessere Welt für unsere Kinder. Und nach dieser Maxime sollen wir handeln. Coopers Meinung nach will der Mensch von Natur aus Gutes tun, und gut ist, was die Welt zu einem besseren Ort für unsere Kinder macht. Das hört sich irgendwie bekannt, aber vor allem bestechend einfach an.

Man könnte annehmen, dass wir unterschiedliche Vorstellungen von »gut« haben. Damit will sich Cooper aber ungern aufhalten. Er setzt darauf, dass der Mensch per se gut ist und dass wir alle, bis auf wenige Ausnahmen, wissen, wie eine bessere Welt für unsere Kinder aussehen soll. Also richten wir den Weltverbesserungs-Blick auf die Softwareentwicklung. Hier liegt die Schwierigkeit darin, dass Aktion und Wirkung nur eine sehr lose Verbindung miteinander eingehen: Unsere Welt ist so komplex, dass wir die Folgen einer Tat kaum mehr kontrollieren können – das Problem ist quasi systemimmanent. Ein Beispiel:

Der Oppenheimer-Moment

Ich erschaffe eine Plattform, auf der sich Menschen austauschen und vernetzen und im Kontakt bleiben können. Meine Intention ist durchweg positiv. Für die Plattform erschaffe ich einen Algorithmus, der entscheidet, was ein User in seiner Timeline zu Gesicht bekommt. Der Algorithmus ist hilfreich, denn er zeigt mir die Posts in meiner Timeline an, für die ich mich wahrscheinlich interessiere. Jetzt kann es jedoch passieren, dass jemand die Plattform nutzt, um Falschmeldungen zu verbreiten. Hinzu kommt, dass der Algorithmus die Verbreitung der erfundenen Nachrichten unterstützt, indem er sie in die Timelines der Nutzer spült und ihnen so Millionen von Interaktionen beschert. Das bleibt nicht ohne Folgen, sondern beeinflusst die öffentliche Meinung. Und schlimmer noch: Diese über Facebook verbreiteten Fake News begünstigen schlussendlich einen Wahlsieg eines Kandidaten, der hemmungslos auf Unwahrheiten setzte. Eine Plattform, deren Idee es ist, Menschen zu vernetzen, hat dazu beigetragen, die Demokratie zu untergraben. Was ist passiert? An welchem Punkt hat die gute Intention ihre Richtung geändert? Und wie können wir sicherstellen, dass unser Produkt die Welt besser statt schlechter macht?

Verantwortung übernehmen

Doch auch wenn die Folgen nur schwer kalkulierbar sind – als »Good Ancestor« müssen Softwaredesigner Verantwortung für alle, auch für die nicht beabsichtigten Auswirkungen ihrer Entwicklungen übernehmen. Die Dimension dieser Forderung reicht weit und die Verantwortung, die Cooper seiner Berufsgruppe auflädt, ist enorm. Er formuliert sie mit der Sicherheit eines Mannes, der den Satz »Das geht nicht!« oft gehört und noch öfter ignoriert hat. Sich auf die gute Intention zu berufen, ist vergleichsweise einfach. Doch wer, wenn nicht der Gestalter einer Software, eines Produkts, einer Idee oder einer Dienstleistung kann deren Folgen absehen? Die Antwort ist: niemand.

  • Sich dem Problem bewusst sein

Der erste Schritt ist zunächst, sich dem Problem bewusst zu werden: Unsere Entwicklungen, unsere Produkte können Wege gehen, die wir nicht intendiert, noch nicht einmal vorgesehen haben.

»You might not be racist but your algorithm is.«

-- Alan Cooper
  • Wirkungen, Folgen und Konsequenzen schon in der Planungsphase durchdenken

Um das zu vermeiden, müssen wir Entwicklungen schon in den frühen Entwicklungsphasen auf mögliche Begleiterscheinungen abtasten: Was bewirkt mein Produkt? Welche Nebenwirkungen und Folgen kann es haben? Und wozu, neben dem intendierten Gebrauch, kann es eingesetzt werden?

  • Augen auf bei der Wahl der Default-Einstellungen

Software-Designer erschaffen ein Produkt und können dabei jedes kleinste Detail gestalten – als Good Ancestor sollten sie diese Macht nutzen, um den User sanft zu lenken, zum Beispiel indem die Navigationsapp zusätzlich zu den Rotenoptionen auch die damit verbundenen CO2-Emissionen anzeigt und die umweltfreundlichste Option zuerst anzeigt.

  • Auch nach dem Produktlaunch aufmerksam bleiben

Ist das Produkt auf dem Markt , ist der Job damit noch nicht getan – auch nachdem eine App, ein Programm, eine Website gelauncht wurde, müssen wir beobachten, wie unsere Produkte genutzt werden. Notfalls nachbessern und lenken.

Liebe Softwareentwickler, Interaction -und UX-Designer,

… ihr habt die Macht. Aber die Verantwortung für unsere Zukunft liegt nicht nur bei euch, sondern bei uns allen – denn das Prinzip des Good-Ancestor-Thinking lässt sich auf alle möglichen Bereiche unseres Lebens anwenden. Mit jeder Aktion können wir die Welt prägen, sie gestalten und lenken – denken und handeln wir alle wie »Good Ancestors«, dürfen wir optimistisch in die Zukunft blicken – auch wenn es sicher Diskussionsbedarf geben wird, was genau eigentlich »gut« ist.

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