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Die Blockchain-Revolution

Foto: Photo by NASA on Unsplash

im Januar 2018
von Christine Steinhart

Könnten Sie sich vorstellen, einem Fremden ihr Gästezimmer, ihre Couch anzubieten? Oder bei einem völlig Unbekannten ins Auto einzusteigen? Undenkbar? Dass dennoch rund vier Millionen Menschen auf der ganzen Welt Gäste beherbergen, die sie nie zuvor gesehen haben, liegt an einer neuen Generation von Online-Plattformen wie Airbnb, Uber oder Tinder. Sie fungieren als Mittelmänner und vermitteln Übernachtungsmöglichkeiten, Taxifahrten, Dates. Solche Plattformen räumen die Unsicherheit gegenüber dem Fremden aus, zumindest reduzieren sie sie auf ein akzeptables Maß. Dennoch – an das mulmige Gefühl meiner ersten Airbnb-Erfahrung erinnere ich mich genau.

Institutionen als Basis unserer Wirtschaft

So menschlich die Unsicherheit auch sein mag – sie bringt ein großes Problem mit sich: Handel zwischen zwei unbekannten Parteien wäre unmöglich, häten wir nicht Wege entwickelt, diese Angst zu umgehen: Wir setzen Institutionen als Mittelmänner ein. Indem sie garantieren, dass die definierten Regeln umgesetzt werden, reduzieren sie Unsicherheiten und ermöglichen uns, Werte auszutauschen und Handel zu betreiben und sind somit seit langen wichtige Basis für unsere Wirtschaft.

Einer der ersten, der die Rolle von Institutionen als Werkzeug, um Handel zu betreiben, untersucht hat, war der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Douglas North. Institutionen definierte er als ein Set aus Regeln und Restriktionen, die notwendig wurden, als sich die Androhung von physischer Gewalt nicht mehr zur Durchsetzung von Handelsvereinbarungen eignete. Institutionen wie Banken blicken daher auf eine lange Tradition zurück, etwas neuer sind die Online-Versionen wie Airbnb & Co. – aber auch sie erfüllen denselben Zweck: Sie definieren die Regeln und sichern das Risiko ab, wenn wir Fremde auf unserer Couch schlafen lassen, die Plattform agiert als Mittelmann. Auch wenn beide Parteien direkt miteinander interagieren – was als Peer-to-Peer-Service bezeichnet wird, funktioniert bei genauerem Hinsehen nicht ohne sondern gerade wegen der Vermittler so gut.

Blicken wir einen kurzen Moment auf die negativen Aspekte, die wir mit der Nutzung einer klassischen Institution wie beispielsweise einer Bank in Kauf nehmen: Der Geldtransfer von Person A zu Person B, an sich ein simpler Vorgang, kann Tage dauern und kostet in der Regel eine Gebühr. Auch wenn die Banken sich heute enorm hohen Sicherheitsstandards verpflichten – Hacker schaffen es immer wieder, sich Zugriff auf Konten zu verschaffen. Und schließlich werden durch dieses System weltweit rund zwei Milliarden Menschen von der globalen Wirtschaft ausgeschlossen – sie besitzen schlichtweg kein Bankkonto. Was wäre wenn, wir ohne Institutionen Vertrauen zu unseren Handelspartnern herstellen könnten?

Vertrauen durch Code

Foto: blockgeeks.com

Wie ein solches Szenario aussehen kann, zeigt die Blockchain-Bewegung: Als die Finanzkrise 2008 das Vertrauen der Menschen in Banken wie nie zuvor erschütterte, veröffentliche eine anonyme Person unter dem Pseudonym Satoshi Nagamoto ein Paper, in dem er die Kryptowährung Bitcoin vorstellte. Das Interessante daran ist die Technologie, auf der die Währung basiert: die Blockchain-Technologie. Sie bietet die einzigartige Möglichkeit, Werte sicher auszutauschen und Transaktionen ohne Dritte durchzuführen. Erstmals in der Geschichte der Menschheit wird Technologie in der Lage sein, Vertrauen zwischen Handelspartnern herzustellen. Wie ist das möglich?

Blockchain: how it works

Die Technologie, der Experten das Potenzial zuschreiben, ein Imperium aus Banken, Unternehmen, Ämtern, ja sogar Staaten abzulösen, sollte sich nicht mit einigen wenigen Sätzen erklären lassen – hier dennoch der Versuch einer stark vereinfachten Darstellung:

Die Blockchain lässt sich als dezentralisierte Datenbank beschreiben, auf der Werte und Transaktionen in der höchtmöglichen Verschlüsselung abgespeichert werden. Unzählige Computer auf der ganzen Welt, sogenannte Knoten oder Nodes, bilden ein enorm leistungsfähiges Peer-to-Peer-Netzwerk. Möchte jemand eine Transaktion durchführen, müssen die Nodes diese Transaktion validieren. Jeder Knoten im Netzwerk verfügt über eine Kopie der Blockchain, so dass er den Kontostand aller Teilnehmer sowie die gesamte Transaktionshistorie kennt. Um einen Block zu verifizieren, nutzen die Knoten bekannte Algorithmen. Sie wetteifern miteinander – wer die Lösung zu einem Suchproblem findet, wird mit digitaler Währung belohnt. Ist eine Transaktion verifiziert, wird sie mit anderen Transaktionen zu einem Datenblock zusammengefasst und höchstmöglich verschlüsselt. Etwa alle zehn Minuten wird ein solcher Datenblock mit einem Zeitstempel versehen und anschließend mit den vorigen verbunden, eine Kette wird gebildet:

Das Netzwerk, das die Blockchain abspeichert, ist gigantisch: Mit etwa 10-100 mal mehr Rechenpower als Google gilt es als das leistungsfähigste der Welt. Um dieses System zu hacken, müsste man alle Blöcke auf allen Computern gleichzeitig hacken. Das ist quasi unmöglich – und definitv sicherer als alle Systeme, die wir aktuell nutzen, so Don Tapscott, Blockchain-Experte.

Über die Bedeutung der Blockchain

Don Tapscott ist Management-Professor und befasst sich mit dem Einfluss von Technologie auf Ökonomie und die Gesellschaft. Er hat das Buch zur Blockchain-Bewegung geschrieben: »Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert«. Die Bedeutung der Blockchain-Bewegung beschreibt er ganz unaufgeregt als die nächste Ära des Internets:

It’s hard to say how big this Blockchain-Revolution is. But it is big. It may well be bigger than the first era of the internet.

-- Don Tapscott

Er erwartet, dass die Blockchain-Technologie jeden einzelnen Bereich unserer Wirtschaft und damit unserer Gesellschaft verändern wird.

Finanzdienstleister werden überflüssig

Ein Beispiel: Die größten Geldflüsse von der entwickelten Welt zur nicht-entwickelten Welt kommen von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und Geld in ihre Herkunftsländer senden – rund 600 Milliarden jedes Jahr. Das ist teuer: Geldtransferdienste wie Western Union kassieren bis zu 10 Prozent der Überweisungssumme. Die Geschichte von Analie Domingo, die Don Tapscott in seinem Buch beschreibt, zeigt, wie die Blockchain-Technologie solche Finanzdienstleister schon heute überflüssig macht:

Analie Domigo ist eine Haushälterin in Toronto. Sie schickt ihrer Mutter in Manila jeden Monat 300 USD über den Finanzdienstleister Western Union. Ihre Mutter weiß nie, wann das Geld da ist, es kann bis zu 47 Tage dauern, bis es angekommen ist. Der Service kostet Analie Domingo jeden Monat drei Stunden ihrer Zeit und eine Transfergebühr von 30 USD. Die App Abra, die auf der Blockchain-Technologie basiert, bietet eine Alternative: Mit Abra können User Geld von Smartphone zu Smartphone verschicken: Analie sendet die 300 USD jetzt von ihrem Handy auf das ihrer Mutter. Ihre Mutter sucht daraufhin in der App einen Abra-Kassierer, er kommt vorbei und zahlt ihr 15.000 phillipinische Pesos aus – dieser Vorgang dauert Minuten und kostet Analie 3 USD.

Web 3.0 – ein Ausblick

Blockchain-Enthusiasten sind sich einig: Die Geschichte von Analie Domingo ist nur eines von vielen Beispielen – die Technologie ist keineswegs nur auf den Finanzsektor beschränkt. Blockchains verändern ein Kernproblem der Zusammenarbeit und stellen das Vertrauen her, das für die Interaktion zwischen Fremden so wichtig ist. Die Transformationskraft, die Tapscott der Blockchain-Technologie zuschreibt, ist nahezu unglaublich:

Sharing Economy

Peer-to-Peer-Zahlungen sind der erste Schritt zu einer echten Shared economy. Wie das aussehen kann, zeigt OpenBazaar, eine Peer-to-Peer-Version von eBay, die auf der Blockchain-Technologie basiert.

Smart Contracts

Wie traditionelle Verträge bilden Smart Contracts Vereinbarungen zwischen zwei Parteien ab und definieren die Regeln – mit Code. Dabei werden die definierten Verpflichtungen und Bedingungen automatisch durchgesetzt, indem ein bestimmter Zustand oder Zeitpunkt eintritt. Blockchain-Optimisten prognstizieren, dass Smart Contracts die Arbeit von Anwälten und Notaren übernehmen werden: Smart Contracts: The Blockchain Technology that will replace Lawyers

Transparente Wahlen

Indem Prozesse und Ergebnisse öffentlich zugänglich gemacht werden, kann die dezentralisierte Blockchain-Datenbank Wahlen, aber auch andere Vorgänge in Demokratien transparent abbilden und somit Machtmissbrauch verhindern. Smart Contracts helfen, den Prozess zu automatisieren. Wie eine Technologie unser Wahlsystem revolutionieren könnte

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