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Der Journalismus der Zukunft

Foto: Annie Spratt

Über Innovation und Storytelling

im Februar 2018
von Christine Steinhart

Menschen können per Twitter authentische Einblicke in die Krisenregionen der Welt geben und jeder kann quasi die ganze Welt an seinen unmittelbaren Gedanken teilhaben lassen. Youtuber erklären die Welt in kurzen Clips und zu fast allen Themen gibt es im Netz mehr Blogs als man lesen kann. Das Web 2.0 und seine neuen Formate fordern den Journalismus heraus, sich neu zu definieren – und sich dabei selbst treu zu bleiben. In einer Zeit, in der jeder Einzelne binnen Sekunden Fakten und alternative Fakten verbreiten kann, sind kritisch-objektive Stimmen unverzichtbar – und wichtiger denn je. Zeit, sich darauf zu besinnen, was echten Journalismus auszeichnet.

Journalismus an der Berkeley J-School

Die UC Berkeley Graduate School of Journalism, bekannt als Berkeley J-School, ist eine der Top-Adressen für Journalismus in den USA. Absolventen der J-School findet man in allen wichtigen Nachrichtenorganisationen im ganzen Land. Die J-School verpflichtet sich den höchsten journalistischen Standards und legt Wert darauf, dass die Studenten schon während des Studiums Hands-on-Erfahrungen machen und echte Reportagen produzieren – das ermöglicht eine einzigartige Freiheit, innovativ zu arbeiten und neue Technologien, Medien und Formate auszuprobieren. Bei einem Get-together am UC Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive (BAMPFA) gaben die Professoren der J-School spannende Einblicke in aktuelle Arbeiten und zeigten, wie die erste Generation der Digital Natives ihr Handwerk definieren will. Sieht so der Journalismus der Zukunft aus? Und immer schwingt die unvermeidliche Frage mit: Gibt es diese Zukunft überhaupt?

Im Kinosaal des BAMPFA sitze ich gebannt und warte auf nicht weniger als ein Feuerwerk aus neuen Reportageformaten. Ich warte darauf, dass ich entsprechend meiner twitter-trainierten 10-Sekunfen-Aufmerksamkeitsspanne auf Netflix-Niveau unterhalten und zugleich mit brandaktuellen Fakten informiert werde. Die Dozenten J-School zeigen aktuelle Arbeiten der Studenten, beispielsweise »The Wait », ein Projekt, das die Erfahrungen von Flüchtlingen in Deutschland mithilfe von interaktiven 360-Grad-Videos erlebbar macht:

Ein weiteres Beispiel ist »Mozzified«, eine Online-Plattform für muslimische Pop-Kultur, die Content für muslimische Jugendliche erstellt aber auch kuratiert.

So sieht beeindruckender Journalismus aus – die Reportagen sind bewegend, hochinformativ, gründlich recherchiert und überraschend. Sie verweben alle möglichen Formen neuer und alter Medien: animierte Schaubilder, Infografiken, interaktive Landkarten, Drohnenfotos, 360-Grad-Videos, Animationsfilme und Erklärvideos. Statt einer inhaltsleeren Aneinanderreihung an allem, was die Kombination aus Bewegtbild und Text zu bieten hat, wird nur kombiniert, was tatsächlich Sinn ergibt. Die interaktiven 360-Grad-Videos machen es mir einfacher, mich in die Person hineinzudenken, als ein Foto, dessen Perspektive schon durch den Fotografen festgelegt und somit beschränkt ist. Die kurzen Videos, in denen die Flüchtlinge von ihren Erfahrungen berichten, vermitteln den Eindruck, eine Person kennenzulernen statt nur über sie zu lesen.

Animating the news

Wenn man von einem Trend sprechen kann, dann heißt dieser: Animation. Insgesamt bewegt sich alles etwas mehr. Nachrichten werden nicht mehr vorgelesen, sondern animiert. Aber wohldosiert – keine aufmerksamkeitsheischenden Effekte, keine Spur von einem Journalismus für die 240-Zeichen-Aufmerksamkeitsspanne. Die klassischen Formate Text und Foto haben keineswegs ausgedient, sondern werden an Stellen, an denen sie Defizite aufweisen, ergänzt. Von einem Hype um die – mittlerweile nicht mehr ganz so neuen – Neuen Medien ist nichts zu spüren. Aber wenn es nicht die neuen Technologien und Formate sind – was macht diese Reportagen dann so packend?

Braucht der Journalismus Innovation?

Koci Hernandez, Dozent für Neue Medien an der UC Berkeley, mehrfach ausgezeichneter Fotojournalist und Multimediareporter gilt als Innovationsführer für Journalismus und Multimedia. Seine iphone-Fotografie brachte ihm internationale Bekanntheit und eröffnete eine ganz neue Sichtweise auf die Reportagefotografie – in der Fotografie-Szene wurde sie viel diskutiert und nicht wenig kritisiert. Er selbst bezeichnet sich als »Visual Storryteller«, die technologische Innovation ist für ihn zunächst eher zweitrangig:

I trust the creative eye will function, whatever technological innovations may develop.

-- Koci Hernandez

In diesem Sinne spricht er sich auch bei der Gesprächsrunde am BAMPFA für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche aus und sieht den Gebrauch neuer Formate pragmatisch:

Don’t worry about the tools – the best reporting tool is the one you have with you.

-- Koci Hernandez

Let the story rule!

Eine gute Reportage wird seiner Meinung nach durch etwas anderes bestimmt: die Story. Sie muss stimmen, mit ihr steht und fällt das Ganze. Sie muss den Betrachter packen, begeistern, bewegen und mitnehmen. Neue Formate, insbesondere Animationen, können dabei helfen, den Zuschauer noch ein Stück näher an die Geschichte zu rücken und sie noch unmittelbarer, begreifbarer und erlebbarer zu machen. Die Basis dafür ist aber die Storyline. Drohnenfotografie? Wenn der Blick von oben Zusammenhänge aufdeckt, die man sonst nicht erkennen kann. Animierte Schaubilder? Sofern sie Zusammenhänge leichter begreifbar machen – her damit. Die Kunst daran ist, diese neuen Formate unverkrampft und spielerisch zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.

Die Reportagen der J-School sind fast ausnahmslos Demonstrationen für dieses Verständnis, so auch das Multimedia-Projekt »Chasing Lithium«, das die Welt hinter dem wertvollsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts zeigt: http://media.journalism.berkeley.edu/projects/2016/20150510_lithium/

Die zeitlose Kunst des Storytellings

Den Journalismus, den die J-School an diesem Abend präsentiert, ist keineswegs radikal neu, vielmehr ein logischer nächster Schritt. Neue Technologien und Formate werden überlegt und dosiert eingesetzt. Innovation ist dabei kein Selbstzweck, sondern etwas, das passiert, wenn man die bestmögliche Version einer Geschichte erzählen will. Der Focus ist und bleibt klar auf eine uralte Strategie gerichtet: Storytelling – die große Kunst, eine Geschichte so spannend und bewegend wie nur möglich zu erzählen. Bleibt zu hoffen, dass das ausreicht, um die Zukunft des Journalismus zu sichern.

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