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Begeistern wie Pixar

Wie das Set Design hilft, Geschichten zu erzählen

im Dezember 2017
von Christine Steinhart

Der Animationsfilm »Coco – Lebendiger als das Leben« kletterte schon am Startwochenende an die Spitze der deutschen Kinocharts. In Mexiko brach er alle Kassenrekorde: Die Geschichte von Miguel, der im Reich der Toten ein Abenteuer bestehen muss, ist schon jetzt der erfolgreichste Film, der je in den mexikanischen Kinos lief. Die Überraschung über den Erfolg von Coco hält sich jedoch in Grenzen – denn der Film kommt aus der Animationsfilmschmiede Pixar. Was Pixar anfasst, wird regelmäßig zu Gold: Den Oscar für die Kategorie »bester animierter Spielfilm« haben die Kalifornier quasi gepachtet – seit Einführung der Kategorie 2002 wurden fast alle Pixar-Filme als bester animierter Spielfilm nominiert, acht wurden ausgezeichnet.

Im farbenfrohen Totenreich

Coco ist der neueste Geniestreich aus dem Hause Pixar, am 30. November lief der Film im deutschen Kino an. Neben der Verarbeitung einer wichtigen mexikanischen Tradition wird vor allem das Set Design von Coco diskutiert:

Eine Brücke aus Millionen Blütenblättern, ein gigantisches Stadion als Schauplatz des Showdowns, eine Barackensiedlung für die Abgehängten - die Schauplätze in der Stadt der Toten sind so vielfältig und detailversessen ausgestaltet, dass der Zuschauer sich gemeinsam mit Coco völlig darin verliert.

-- Spiegel online

Doch bevor Miguel, der Held aus Coco, in das Totenreich abtauchen kann, muss dieses Reich erschaffen werden: Jeder einzelne Raum, jedes noch so kleine Objekt und jeder Winkel der Szenerie muss erdacht und gestaltet werden. Darum kümmert sich das Team um Set Supervisor Chris Bernardi.

We’re sort of the carpenters and masons of Pixar.

-- Chris Bernardi

Set Designer entwerfen das virtuelle Bühnenbild des Animationsfilms. Tim Evatt ist einer von ihnen. An der UC Berkeley gibt er spannende Einblicke in seine Arbeit und das Pixar-Universum.

Auch wenn besonders das Set Design von Coco in den Medien gelobt wurde – Tim Evatt bleibt bescheiden: »Film is like a symphony«, so Evatt und Set Design sei nur eines der vielen Rädchen im Pixar-Getriebe. Ohnehin ist Evatt eher der Typ Künstler, der einfach genau das tut, was er schon immer wollte: zeichnen. Und weil er das so gut kann, entwirft er jetzt eben für das weltbeste Animationsfilmstudio die unglaublichsten Fantasiewelten.

Mit Stift und Papier Probleme lösen

Der erste Schritt ist immer die Story, sie ist das Fundament, mit ihr fängt alles an. Ist sie solide, beginnt das Set Design, erste Ideen zu visualisieren. Wie könnte die Umgebung aussehen, in der die Story spielt? Diese ersten Zeichnungen entstehen noch immer mit Stift und Papier. Hier ist Evatt zuhause, man merkt ihm deutlich an, dass genau das sein Element ist. Er zeigt Bleistiftzeichnungen, die er für Toy Story und Coco angefertigt hat: die Toilette, an der Woody aus Toy Story hochklettert. Das Stadion aus dem Totenreich von Coco und die Stufen dorthin. Die Inspiration dafür kam von der Spanischen Treppe in Rom, so Evatt. Er zeigt Grundrisse und Fassadenansichten, die er mit architektonischer Akribie gezeichnet hat. Das Set Design entscheidet nicht nur, ob Stufen aus Marmor oder Granit bestehen sollen, eine wichtige Aufgabe ist die Struktur und der logischen Aufbau der Schauplätze: Wie bauen sich Räume auf? Wie reihen sie sich aneinander? Und wie bewegen sich Story und Charaktere in ihnen?

»Set Design is problem solving.«

-- Tim Evatt

Ein Beispiel aus Toy Story: Die Storyline sieht vor, dass Woody an der Toilettentür hochklettert, um aus dem Fenster zu fliehen. Das Set Design muss sicherstellen, dass die Toilettenkabine so gestaltet ist, dass der nur wenige Zentimeter große Woody das auch schafft – indem zum Beispiel eine Zwischenetappe an der Wand abgebracht wird, die Woody ansteuern kann, bevor er auf das Fensterbrett klettert.

Nachdem eine Design-Idee Zustimmung findet, wird die Szene previsualisiert – vor allem, um den Raum und die Bewegungen im Raum zu zeigen. Erst jetzt wird die Umgebung mit der Oberflächenstruktur versehen, auch das eine Aufgabe des Set Designs. Dieser Schritt ist entscheidend für den »Look & Feel« des Films: Farbenfroh-mystisch Kulisse, düster-beklemmende Szenerie oder anonymer Flur? Einen Großteil der Atmosphäre modelliert das Set Design in diesem Schritt. Danach folgt das Rendering, hier werden die Rohdaten in einen nahtlosen Animationsfilm überführt. Eine unglaubliche Rechenarbeit – um eine Einstellung zu rendern, würde ein einzelner Computer ganze 22 Jahre rechnen, so Evatt.

Menschen brauchen Geschichten

It’s all about a good story.

-- Tim Evatt

Ob ein Film Menschen berührt und begeistert, hängt schlussendlich immer von der Geschichte ab – sie ist die Basis für den Erfolg. Aufgabe der Set Designer ist es, sie zum Leben zu erwecken. Und da scheint Pixar eine Erfolgsformel entwickelt zu haben, die seit Toy Story nicht enttäuscht hat: Simple, emotionale Geschichten mit einer wohldosierten Einheit Witz. Emma Coats hat 22 Regeln für das Storytelling bei Pixar definiert, die aus einer Story eine echte Pixar-Story machen.

Die Pixar-Erfolgsstory: Eine unendliche Geschichte?

Toy Story, Nemo, Die Unglaublichen, Ratatouille, Coco: Pixar-Filme scheinen alle im gleichen Universum zu spielen. Ein Kassenschlager nach dem nächsten – wird es einfach immer so weitergehen? Das Niveau, das es zu toppen, zumindest zu halten gilt, ist ungemein hoch – neue Ideen haben es schwer, so Evatt. Eine neue Ära für Pixar erwartet er dennoch. Wie genau sie aussehen soll, darüber schweigt er. Bis sie kommt, vertreiben wir uns einfach die Zeit mit der aktuellen Erfolgsformel:

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