Visual

Beyond

Backcasting for innovation

im August 2017
von Christine Steinhart

Von Texas bis Minnesota prägen Windparks und Solaranlagen das amerikanische Landschaftsbild. Kleine, effiziente Elektroflitzer haben die einstigen Benzinschleudern von der Straße verdrängt. Von Kernenergie, Kohle, Gas und Öl hat sich der mächtige Industriestaat verabschiedet. Und, um Energie zu sparen, leuchtet Las Vegas nur noch halb so hell – ja, all das ist nichts weiter als eine gewagte Zukunftsvision – allerdings eine sehr alte.

1973 hat Amory Lovins ein solches Szenario als Antwort auf die Energiekrise der Vereinigten Staaten formuliert und ein alternatives Energieversorgungkonzept entwickelt, den sogenannten »Soft Energy Path«. Erneuerbare Energien aus Wind und Sonne in Kombination mit einem effizienteren Verbrauch sollten den hohen Energiebedarf des Industriestaats sichern. Von diesem Zukunftsszenario aus arbeitete sich Lovins rückwärts in Richtung Gegenwart vor und definierte Schritt für Schritt, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Die innovative Idee wurde kontrovers diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt befasste sich die Energiepolitik der USA vor allen mit der einfachen Frage, wie man schnell zu mehr Energie kommen würde – ungeachtet woher und zu welchem Preis. Lovins Konzept war anders: Er gönnte sich die Freiheit, zu überlegen, wie ein erstrebenswerter Idealzustand aussehen sollte – und zeigte in einem zweiten Schritt, wie diese Vision realisierbar ist.

Auch wenn Lovins’ Vision sich bis heute nicht erfüllt hat, setzen sich doch immer mehr Menschen für eine alternative Energiepolitik ein. Die Idee scheint für die damalige Zeit schlichtweg zu innovativ gewesen zu sein. Was uns heute naheliegend erscheint, war in den 70ern reinste Pionniersarbeit. Wie entwickelte Lovins sein bemerkenswertes Konzept?

Backcasting: Rückwärts zum Ziel

Von einem idealen Zukunftsszenario aus werden alle erforderlichen Schritte geplant, um den definierten Idealzustand zu erreichen: Backcasting geht den Weg zu einem neuen Produkt rückwärts. Die Methode wurde bisher zwar vor allem in der Stadtplanung und in der Resourcenverwaltung eingesetzt, aber auch UX- und Produktdesigner nutzen sie schon seit einiger Zeit sehr erfolgreich.

Deshalb lohnt sich Backcasting

Das Beispiel des Soft Energy Path zeigt: Backcasting ist eine Methode, um die Zukunft aktiv zu gestalten. Während man beim Forecasting versucht, ein Szenario auf der Basis bestimmter Annahmen vorherzusagen und dafür eine passende Lösung zu finden, hat man beim Backcasting die Freiheit, das Szenario selbst zu wählen. Der Unterschied erscheint zunächst nicht gravierend – hat man jedoch die Möglichkeit, sich ohne jegliche Einschränkungen einen Idealzustand auszumalen, werden eingefahrene Denkmuster abgelegt und unnötige Barrieren, beispielsweise durch technische Beschränkungen, abgebaut. Zunächst zählt nur die ideale Lösung, Zeit für Abstriche ist später. Die Erfahrung zeigt, dass Backcasting die Anzahl der möglichen Optionen erhöht und gleichzeitig wie ein Innovationsbooster wirkt.

Der Backcasting-Workshop:

Backcasting lässt sich am besten mit einem Team als Workshop durchführen. Teilnehmen sollten mehrere unterschiedliche Stakeholder: UX-Designer, User, Produktdesigner, Ingenieure, Kunden oder andere Experten, die zum Thema beitragen können. Bevor es losgeht: Stifte und Haftnotizen bereitlegen und die Teilnehmer zum Prozess und zur Aufgabenstellung briefen.

1 – Definiere den Zeitpunkt in der Zukunft

Der Zeitpunkt für den das Szenario definiert werden soll, ist der Ausgangspunkt des Backcastings. Wie weit das Augangsszenario in der Zukunft liegt, hängt vom Planungszeitraum des Unternehmens ab – viele Unternehmen haben 5-Jahres-Pläne, in einigen Branchen muss kurzfristiger geplant werden.

2 – Beschreibe den Status quo

Wie sieht die aktuelle User Experience aus? Was ist positiv, was nervt? Was macht die Konkurrenz? Der Sinn dieser Phase ist, allen Workshop-Teilnehmern möglichst viele Aspekte des Produkts vor Augen zu führen.

3 – Beschreibe ein oder mehrere ideale Zukunftsszenarien

Hier stellt man sich die Frage: Wie sieht ein ideales Zukunftsszenario aus? Im UX-Design könnte das ein einfaches Szenario wie folgendes sein: Daten, beispielsweise Abmessungen werden nicht mehr manuell eingegeben. Oder etwas komplexer: Eine Software begleitet meine Arbeitsprozesse und weiß, welches der nächste sinnvolle Arbeitsschritt ist. Hier gilt das gleiche wie beim Brainstorming: Alles darf erdacht werden, aussortiert wird später. Jedes Szenario wird auf einem Zettel notiert und in Stichpunkten beschrieben. Ist alles erfasst, wird diskutiert, welche Szenarien ideal im Sinne von erfolgversprechend sind und somit weiter verfolgt werden sollen. Wichtig ist, diesen Schritt eindeutig vom vorherigen zu trennen, eine kurze Pause hilft dabei.

4 – Identifiziere für jedes Szenario Schritte in Richtung Gegenwart

Vom definierten Zeitpunkt aus werden dann Aktionen und Meilensteine definiert, die zum Ziel führen. Dabei wird jede Aktion auf einem pinken Post-It notiert, die Annahmen dazu auf einem blauen Post-It, die Risiken auf einem roten, die Vorteile auf einem grünen und andere Indikatoren, durch die das Szenario realisiert werden kann, werden auf einem gelben Post-It festgehalten. Manche Szenarien erfordern eine tiefere Expertise und es müssen weitere Informationen eingeholt werden, bevor es weitergeht. Szenarien, die auf keinen Fall zu realisieren sind, fallen jetzt raus.

5 – Dokumentiere die Ergebnisse

Sind ein oder mehrere Pfade entstanden, die durch verschiedenfarbige Post-Its dargestellt sind und zu einem idealen Zukunftsszenario führen, war der Workshop erfolgreich. Diese Ergebnisse sollten gut dokumentiert werden, so dass sie auch anderen Stakeholdern, die nicht am Workshop teilgenommen haben, präsentiert werden können. Das heißt: Abfotografieren und wenn nötig, mit entsprechenden Kommentaren ergänzen.

6 – Hol’ dir zusätzliche Meinungen zum Ergebnis

Stakeholder, die nicht im Backcasting-Prozess involviert waren, haben eine frische Sicht auf das Ergebnis. Mit ihrer Einschätzung kann man sicherstellen, dass das erarbeitete Szenario erfolgversprechend und der Plan zur Umsetzung realistisch ist – bevor es an die Umsetzung geht, sollte man sich mit diesem zweiten Blick auf die Ergebnisse absichern.

Mehr über Backcasting für UX-Designer:

Geben Sie es weiter: Save, Share, Like, Tweet

Teilen und kommentieren Sie diesen Artikel: Wir freuen uns über Ihre Meinung, Ihr Feedback und den Austausch mit Ihnen.

B2B Content Marketing Insights

Impulse für B2B-Marketing- & Strategie, -Konzept und -Technologie direkt ins Postfach